Integration

Veröffentlicht am 27.05.2025 in Pressemitteilungen

Ali Zarabi im Gespräch

Die Mehrheit der Flüchtlinge arbeitet! Und Arbeit ist unsere beste Integrationsmaßnahme. Darum ist es Zeit für weniger Bürokratie und mehr Chancen.

Ein Gespräch mit Ali Zarabi, SPD-Landtagskandidat für den Landkreis Rottweil

 

Frage: Herr Zarabi, Deutschland hat sich lange Zeit geweigert, seine eigene Realität als Einwanderungsland anzuerkennen. Warum ist das so, und was muss sich ändern?

Ali Zarabi: Das ist genau der Punkt. Deutschland hat sich viel zu lange geweigert, die Realität als Einwanderungsland zu akzeptieren. Im Rückblick auf die erste große Welle von Geflüchteten aus den Balkankriegen vor 30 Jahren sehen wir sehr klar, wo die Stärken und wo die Schwächen der deutschen Migrations- und Integrationspolitik liegen. Ich habe selbst die Willkommenskultur der Bundesrepublik erlebt – und ebenso die praktischen Schwierigkeiten bei der Integration. Was ich deshalb sicher sagen kann: Der Weg zum guten Zusammenleben mit denen, die schon immer in diesem Land gelebt haben, führt über gute Schulbildung und eine gute Ausbildung – egal, ob das die Hauptschule, der mittlere Bildungsabschluss, das Gymnasium, eine Ausbildung im Handwerk mit der Berufsschule oder ein Studium ist.

Frage: Sie kritisieren, dass die Diskussion über Migration oft zu simpel geführt wird. Können Sie das genauer erklären?

Ali Zarabi: Ja, was mich wirklich ärgert, ist diese extreme Vereinfachung der Probleme. Wir haben das damals beim Sturz des Assad-Regimes in Syrien erlebt – vor allem von konservativer Seite. Da hieß es einfach: „Jetzt schickt doch die Syrer alle zurück.“ Aber so funktioniert die Welt nicht. Das streut den Menschen nur Sand in die Augen. Es gibt viel intelligentere und bessere Wege, um den Neuaufbau in Ländern wie Syrien zu unterstützen – etwa durch Bildung, Ausbildung, Strukturaufbau. Ich selbst kam 2016 mit meiner Familie aus Afghanistan nach Deutschland. Ob die Diktatur der Taliban in Afghanistan irgendwann genauso zusammenfällt wie das Assad-Regime in Syrien, kann niemand sagen. Aber eines weiß ich: Es gibt zwei Dinge, die immer zählen – das Beste aus sich zu machen und den Zusammenhalt zwischen den ganz unterschiedlichen Erfahrungen zu stärken, die Menschen miteinander teilen. Das dient uns allen – nicht nur uns Menschen mit Migrationshintergrund, sondern auch der Mehrheit der Menschen in Deutschland, deren Familien immer schon hier gelebt haben.

Frage: Wie steht es aktuell um die Arbeitsmarktintegration von Geflüchteten?

Ali Zarabi: Die Botschaft ist klar: Die Mehrheit der Flüchtlinge in Deutschland ist nach sechs Jahren erwerbstätig – das ist ein positives Zeichen für gelungene Integration. Nach aktuellen Zahlen des IAB sind sieben Jahre nach ihrer Ankunft 63 Prozent der zwischen 2013 und 2019 zugezogenen Geflüchteten erwerbstätig, acht Jahre nach Zuzug sogar 68 Prozent. Für die 2015 zugezogene Kohorte liegt die Erwerbstätigenquote im Jahr 2022 bei 64 Prozent. Neun von zehn dieser Erwerbstätigen arbeiten sozialversicherungspflichtig, und die mittleren Bruttostundenlöhne liegen mit 13,70 Euro über der Niedriglohnschwelle. Das zeigt doch: Integration funktioniert – wenn wir sie auch ermöglichen.

Frage: Aber es gibt weiterhin viele Hürden – was sind Ihrer Meinung nach die größten Bremsklötze?

Ali Zarabi: Es gibt tatsächlich noch viel zu tun. Zahlreiche bürokratische Hürden bremsen den Integrationsprozess unnötig aus – lange Asylverfahren, Beschäftigungsverbote, Wohnsitzauflagen. Diese müssen wir dringend abbauen. Unser Ziel muss es sein, den Zugang zum Arbeitsmarkt deutlich zu erleichtern und zu beschleunigen. Flüchtlinge sollten von Beginn an die Möglichkeit haben, zu arbeiten – genau wie ukrainische Geflüchtete, die bereits heute frühzeitig Zugang zum Arbeitsmarkt erhalten. Wer arbeiten kann, soll auch arbeiten dürfen.

Frage: Sie sprechen auch über Wohnraumpolitik und Vereine als Schlüssel für Integration. Warum ist Ihnen das so wichtig?

Ali Zarabi: Weil Integration mehr ist als ein Arbeitsvertrag. Wir müssen Ghettobildung vermeiden und die soziale Durchmischung fördern. Eine dezentrale Unterbringung in Städten und Gemeinden sollte der Standard sein. Wer in einer Gemeinschaft lebt, lernt schneller die Sprache, die Kultur, die gesellschaftlichen Regeln. Wer dagegen isoliert in Massenunterkünften untergebracht wird, bleibt außen vor.

Deshalb mein Vorschlag: Wir sollten prüfen, ob eine Vereinsmitgliedschaft verpflichtender Bestandteil der Integrationsbemühungen werden könnte. Vereine sind der Ort, an dem Menschen wirklich zusammenkommen – sei es im Sport, in der Musik oder im Ehrenamt. Dort entstehen Freundschaften, Netzwerke, Sprachpraxis und echte Teilhabe. Ich habe das selbst erlebt – als Ringer und Kampfrichter bei der AB Aichhalden. Im Sportverein bin ich nicht nur körperlich stärker geworden, sondern auch sprachlich, sozial und kulturell gewachsen. Dort habe ich gelernt, was es heißt, fair zu kämpfen, Regeln einzuhalten und Teil einer Gemeinschaft zu sein. Solche Erfahrungen sind unbezahlbar – für jeden, der neu in dieses Land kommt, aber auch für die Gesellschaft insgesamt.

Frage: Was wünschen Sie sich von den anderen Parteien?

Ali Zarabi: Statt über Grenzkontrollen zu diskutieren, die innerhalb der EU weder rechtlich zulässig noch sinnvoll sind, sollten wir unsere politische Energie darauf verwenden, Integration wirklich zu ermöglichen – mit Bildung, Arbeit und Teilhabe. Für die SPD kann ich sagen: Wir kämpfen für eine realistische und gerechte Integrationspolitik. Aber manchmal wünsche ich mir, dass unsere Koalitionspartner von der Union weniger über Illusionen reden und mehr über echte Lösungen.

Und wissen Sie, was ich mir noch wünsche? Dass wir Menschen einbeziehen, die diese Erfahrungen selbst gemacht haben – die wissen, wie es ist, in ein fremdes Land zu kommen, die Sprache zu lernen, sich in einer neuen Gesellschaft zurechtzufinden. Diese praktischen Perspektiven und diese Expertise müssen wir viel stärker einbinden. Wer den Weg selbst gegangen ist, kann oft die besten Ratschläge geben. Integration darf kein theoretisches Konstrukt bleiben – wir müssen die Menschen, um die es geht, mit ins Boot holen.